10. Juni 2026Olga Prasse2 Min. Lesezeit

Reibung erwünscht: Warum Konflikte im Team kein Störfall sind

Konflikte gelten als das, was man möglichst schnell wegräumt. Dabei sind sie oft Energie, die nur noch keine Richtung hat. Wie aus Spannung Bewegung wird – statt Blockade.

Abstrakte Illustration: zwei Formen begegnen sich und verbinden sich über einen Funken zu einem Bogen

Kaum etwas hat in Organisationen einen so schlechten Ruf wie der Konflikt. Er stört, er kostet Kraft, er soll bitte schnell wieder verschwinden. Also wird er weggelächelt, ausgesessen oder unter den Teppich gekehrt – bis er an anderer Stelle umso lauter zurückkommt.

Ich sehe das anders. Ein Konflikt ist selten das Problem. Er ist meistens ein Signal: Hier treffen unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse oder Perspektiven aufeinander, die alle ihre Berechtigung haben. Reibung entsteht – und Reibung ist erst einmal nichts anderes als Energie.

Ein Konflikt ist Energie, die noch keine Richtung gefunden hat.

Warum Wegräumen selten funktioniert

Wenn wir Spannung unterdrücken, verschwindet sie nicht. Sie wandert – in die Flurgespräche, in die innere Kündigung, in die Zusammenarbeit, die plötzlich zäh wird. Das Ungesagte kostet oft mehr Kraft als das Ausgesprochene.

Der Unterschied liegt nicht darin, ob es kracht, sondern wie wir damit umgehen. Teams, die gelernt haben, Spannungsfelder offen und respektvoll zu bearbeiten, sind nicht konfliktfreier – sie sind konfliktfähiger. Und das ist ein enormer Unterschied.

Was hilft, wenn es spannungsvoll wird

Aus meiner Arbeit als Konfliktbegleiterin ein paar Dinge, die fast immer tragen:

  • Das Unsichtbare sichtbar machen. Oft geht es gar nicht um das, worüber gestritten wird, sondern um ein darunterliegendes Bedürfnis. Es zu benennen, entspannt.
  • Präsenz statt Reaktion. Gerade unter Druck lohnt es sich, einen Moment innezuhalten, bevor man reagiert – für sich selbst und für den Raum.
  • Allparteilichkeit. Als Begleiterin ergreife ich nicht Partei, sondern sorge dafür, dass alle Seiten gehört werden. Das schafft Vertrauen, wo vorher Fronten waren.
  • Vom Vorwurf zum Anliegen. „Immer machst du …" wird zu „Ich brauche …". Das klingt klein, verändert aber die ganze Dynamik.

Aus Spannung wird Bewegung

Wenn ein Team seine Konflikte nicht mehr fürchten muss, passiert etwas: Es traut sich, ehrlich zu sein. Es entscheidet klarer. Es wächst zusammen, statt auseinander. Aus der Reibung, die vorher blockiert hat, wird eine Kraft, die nach vorn trägt.

Drei Impulse zum Mitnehmen

  1. Benenne die Spannung früh. Ein ruhiges „Ich glaube, wir sehen das unterschiedlich – lass uns kurz draufschauen" wirkt Wunder, bevor sich Fronten bilden.
  2. Übersetze den nächsten Vorwurf. Wenn dich etwas ärgert, frag dich zuerst: Welches Bedürfnis von mir wird hier gerade nicht erfüllt? Und sprich das aus.
  3. Hol dir Allparteilichkeit. Wenn ihr euch im Kreis dreht, braucht es keine Schiedsrichterin, sondern jemanden, der allen Seiten gehört – von innen oder von außen.

Wenn bei euch gerade etwas knirscht – das muss kein Grund zur Sorge sein. Vielleicht ist es der Anfang von etwas Besserem. Lass uns gemeinsam schauen, wohin diese Energie will.